Wie aus der Königskrabbe die „Stalinkrabbe“ wurde: Lunch in Korea

Händler mit Kingcrab, Jagalchi Fischmarkt Busan, Südkorea

Wie ich in Korea in den Genuss der Stalinkrabbe kam und dabei ein paar Fehler beging

Manchmal steht man unerwartet vor einer seltenen Delikatesse, in diesem Fall vor einer Königskrabbe, auch Kamtschatkakrabbe oder, wegen ihrer unglaublichen Größe von bis zu 180 cm, auch Monsterkrabbe genannt. Dann heißt es: zugreifen! Diese Krabbe ist eigentlich ein Krebs, es gibt einige Arten davon und alle haben eines gemeinsam: ihren delikaten Geschmack, der besser sein soll als der von Hummer.

Dass man auch mit dem delikatesten Produkt ein paar bumsdumme Fehler veranstalten kann,und weshalb das Schalentier auch „Stalin-Krabbe“ genannt wird, das lest ihr hier:

Der Jagalchi-Fischmarkt von Busan, Korea

Nach einer dreieinhalb stündigen Fahrt mit der Fähre von Fukuoka, Japan kommend, erreichen wir den Hafen der zweitgrößten Stadt Südkoreas, Busan. Noch benommen vom frühmorgendlichen Schläfchen auf dem Schiff stehen wir unversehens im geschäftigen Treiben des Jagalchi-Fischmarktes.

Jagalchi Fischmarkt in Busan, Korea,

Eine Schau! Entlang den großen Markthallen reihen sich dicht an dicht kleine Marktstände unter bunten Sonnenschirmen. Fischhändlerinnen schwatzen miteinander während sie Fische ausnehmen, schuppen und filetieren.

In Becken vor den Restaurants und in den großen Aquarien der Fischmarkthallen schwimmen dicht gedrängt all die schönen Fische, die ich sonst nur vom Tauchen kenne, und deshalb gerade nicht gebraten auf dem Teller sehen möchte. Zudem plagt mich mein Gewissen, in Tokyo habe ich fast täglich Sushi gegessen, auch Thunfisch, den ich zu Hause in Europa eigentlich nicht mehr kaufe noch esse.

Die Stalinkrabbe ist ein allesfressender Predator

Deshalb kann ich mein Glück kaum fassen, als ich großen Aquarien dicht an dicht große gepanzerte Ungeheuer entdecke! Das sind doch – klar, Königskrabben! Besser bekannt als Kamtschatkakrabbe. Das Fleisch der Königskrabbe ist eine seltene Delikatesse – in Europa.

Hier in Korea strampeln die Tiere zu Hunderten in den Becken. Einem der Händler ist meine Begeisterung nicht verborgen geblieben und flux zieht er ein Exemplar aus dem Wasser um es mir unter die Nase zu halten. Faszinierend, das größte Krustentier, das ich je gesehen habe. Ein gewaltige Spinne in einem orangefarbenen Panzer.

Das wird unser Mittagessen! So eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder. Fehler Nummer 1: zeige nie zu unverhohlen Deine Begeisterung wenn Du vor einem routinierten Händler stehst. Du kommst aus der Nummer nicht mehr raus.

Händler mit Kingcrab, Jagalchi Fischmarkt Busan, Südkorea

Mein schlechtes Gewissen wegen der Weltmeere kann ich heute stecken lassen. Die Königskrabbe ist selbst ein Schädling und Predator. Die kann man ohne schlechtes Gewissen essen.

Cruschtschow brachte die „Stalinkrabbe“ bis vor Norwegen

Ursprünglich im nördlichen Pazifik heimisch, hat die russische Führung unter Cruschtschow (ja, das war der, der mit seinem Schuh geworfen hat), die Königskrabbe in den 1960er Jahren in den Gewässern um Murmansk ansiedeln lassen. Weil das Fleisch schmackhaft und reich an wertvollem Eiweiß ist, ist und eine Königskrabbe bis gut 10 Kg Gewicht abwirft, sollte sie zur Ernährung der Sowjetrepublik beitragen. In ihren neuen Heimatgewässern traf die große Krabbe bei der Nahrungssuche auf wenig Gegenwehr und konnte sich in fixer Geschwindigkeit wunderbar in den Nordmeeren ausbreiten, und brachte mit ihrer Verfressenheit einen guten Teil der Meeresarten um Murmansk bis zu den Lofoten an den Rand des Exodus.Königskrabbe, King Crab, Stalinkrabbe

Norwegischen Fischern hat die Ansiedlung der Königskrabbe viel Leid gebracht, die Fischbestände Norwegens sanken im Verlauf der achziger Jahre drastisch. In Norwegen wird die Kamtschatkekrabbe deshalb auch „Stalinkrabbe“genannt. Die sprachliche Nähe zu „Stalinorgel“ dürfte beabsichtigt sein.

Und nun schließen sich die Kreise, denn man mag es kaum glauben, verrückte Welt. Das wohlschmeckende Fleisch der Kamtschatkakrabbe füllte die Netze und Kassen der Nordmeer- Fischer – und landet als lebendige Fracht per Flugzeug auf den Märkten Japans und Koreas.

Königskrabbe bestellt, Stalinkrabbe bekommen, Korea ist nicht gerade ein Epizentrum der Kochkunst!

Also werden wir heute auf dem Fischmarkt von Busan Königskrabbe zu mittag zu essen. Nur, dieses Tier kann eine Spannweite von weit mehr als einem Meter fünfzig haben und bis zu 10 Kilo auf die Waage bringen. Der Händler, der mich nun nicht mehr aus seinen Fängen lässt, sucht das kleinste Exemplar, immer noch knapp zwei Kilo schwer. Es kostet 150 Euro.

Koreanische Vorspeisen

Man setzt uns an einen Tisch, der im Handumdrehen mit koreanischen Vorspeisen gefüllt wird. Währenddessen gart die Krabbe in einem riesigen Dampfgarer. Fehler Nummer zwei: informiere Dich über die Küche des Landes, in dem du gerade zu speisen gedenkst!

Korea, Südkorea, das sollte ich in den darauffolgenden Tagen noch erfahren, ist kein Land der feinen Küche. Und das noch weniger, wenn man die Wochen zuvor in Japan verbracht hat. Korea ist das Kimchi-Land. Das ist ein saurer Kohl, hergestellt durch Fermentation, und meist mit Chilli gewürzt. Kann man essen. Aber wenn saurer Kohl das „Signatur-Dish“ eines Landes ist, dann sollte einem das zu denken geben.

Kurz: die Vorspeisen waren ein Augenschmaus aber keine Gaumenfreude. Viel Kohl, sauer oder roh, mit Fischroggen, eine wässrige Suppe mit Algen. Ein wenig laffes Sushi. Ein runder Klops aus Kartoffelpüree und Salat. Ungewürzt.

Kamtschatkakrabbe, King Crab, Königskrabbe gedünstet, My world salad

Aber es kommt ja gleich die Königskrabbe auf den Teller. Fehler Nummer drei: Kein Bier zum feinen Krustentier bestellen. Aber Wein haben sie hier nicht. Nur Bier, Wasser und Tee. Mit einem Glas Weißburgunder hätte man die Sache noch zu einem guten Ende bringen können. Aber nein, koreanisches Bier und eine ungewürzte Königskrabbe. Die schmeckte zwar fein. Aber was hätte ein auch nur mittelmäßig talentierter Koch und ein Fläschchen feinen Weines hier für Wunder vollbringen können.

Fazit: So kann macht man aus einer seltenen Delikatesse also eine  „Stalinkrabbe“ – durch mangelnde Kochkunst und falsche Getränkewahl. Nächstes mal esse ich meine Königskrabbe anderswo!