Singapur: Der alte Herr Shi und sein Butterkaffee „Kopi Gu You“

Schild, Heap Seng Leong, Singapur

Ein Besuch beim letzten „Barista“ des Butterkaffees – Kopi Gu You in Singapur

Kopi gu you (oder Kopi gu yu) ist ein starker, süßer Kaffee, in dem eine Scheibe zerlaufender Butter schwimmt. Kopi gu you wurde seit langer Zeit in Singapur getrunken. Dieser Butterkaffee schmeckt ganz ausgezeichnet, ist in Singapur aber leider vom Aussterben bedroht. Nur im Café Heap Seng Leon wird die Tradition des Butterkaffees gepflegt. Aber was in der einen Kultur in Vergessenheit gerät, wird in einer anderen gerade zum Hype:

Dies ist der fünfte Besuch in Singapur in den letzten 2 Jahren. Inzwischen fühle ich mich heimisch. Gewohnheiten stellen sich ein: der Morgen beginnt mit Kopi und Kaya-Toast, und ich habe eine gewisse Treue zu bestimmten Stadtvierteln und Lokalen entwickelt:

Mein  Kopi in „meiner“ Nachbarschaft, ich liebe Gewohnheiten!

Meine Singapurer „Hood“ befindet sich zwischen Victoria Street, North Bridge Road und Bugis. Dort wohne ich. Immer. An der Ecke findet sich Zam-Zam, mein liebstes Murtabak-Restaurant und das chinesische Stammlokal.

Auch die Frühstücksgewohnheiten haben sich verfestigt: Kopi und Kaya Toast, mal mit Ei, mal ohne. Aber zu Killiney Kopitiam ist es mir zu weit und bei Ya Kun Kaya Toast ist es mir zu hektisch. Deshalb gehe ich meist zu Sultans Kitchen, ein Foodstall und Frühstückscafe in der Jalan Sultan, nichts Spektakuläres, sondern ein gewöhnliches Café/ Lokal am Rande einer der vielen Wohnblöcke, in denen meist ältere Leute wohnen und Stunden bei einer Tasse Kaffee sitzen oder in einem Plastikstuhl am Straßenrand ein Nickerchen halten. Es gibt besseren Kaya-Toast und besseren Kopi anderswo, aber es ist eben meine Ecke, hier kann ich auf Autopilot schalten.

Es ist heiß heute! Ich fühle mich wie ein Tafelspitz, der in seiner Brühe siedet. Mein Hirn siedet auch. Wo sonst Blut durch meine Adern fließt, ist jetzt heiße Nudelsuppe.

Das ist zwar entspannend für mich, aber nicht gut für diesen Blog. Der braucht Info, Input, Bewegung und immerwährende Neugier! Leicht gesagt bei diesen Temperaturen und an die hundert Prozent Luftfeuchtigkeit. Ich fühle mich wie ein Tafelspitz, der in seiner Brühe vor sich hin siedet, mein Hirn vor allem fühlt sich so an. Dennoch – des Entdeckerwillens wegen prügle ich mich heute morgen, anstatt in mein Stammcafé einzukehren, ein paar Straßen weiter.

Neuentdeckung an der North Bridge Road

An der North Bridge Road befindet sich inmitten eines typischen Wohnblocks ein kleiner Wet Market nebst Food-Court. Ein für Singapur typisches Nachbarschaftskonglomerat. Hier sollte es doch irgendwo Frühstück geben!? Im traditionellen Singapur ist Frühstück Synonym für Kaya Toast und Kopi. Es ist Dienstag, alle sind bei der Arbeit, nur die Rentner haben frei (was in Singapur übrigens keine Selbverständlichkeit ist).

Alte Damen mit Gehhilfen gehen Besorgungen machen, alte Herren rauchen, viele sitzen zum Plausch am Rande der Marktstände, entspannte Atmosphäre, neugierige Blicke, manche etwas missbilligend: Touristen! Aber dann sind sie bei Nachfrage doch immer hilfsbereit, die alten Singapurer! Mit wischenden Handbewegungen und Anweisungen auf „singlish“ : „go go“, und „yes have!“ „have have!“ scheucht mich eine Gruppe älterer Damen in den zugemüllten Hintereingang eines in die Jahre gekommenen Cafés, oder wie es hier heißt, eines Kopitiam.

Im Kopitiam „Heap Seng Leong“ scheint die Zeit stillzustehen

Immerhin, es duftet nach „Kopi“, ein alter Mann, seltsamerweise bekleidet mit gestreifter Pyjamahose und Unterhemd, steht an einem Kohlefeuer und giesst Kaffee auf, in den für Singapur so typischen großen Edelstahlkannen, in denen riesige baumwollene Kaffeefilter hängen, die aussehen wie alte Socken und auch so genannt werden, „Socks“ eben. Neben dem alten Mann steht eine große Plastikbox, die bis zum Rand gefüllt ist mit gerösteten Toastscheiben. Das Café heißt: „Heap Seng Leong“, hier wurde offensichtlich lange nicht aufgeräumt, Chaos wäre für den Zustand des Ortes eine ungenügende Beschreibung. Da, wo der alte Herr Kaffee kocht und Toast röstet, herrscht bei genauerem Hinsehen eine , nun, gewisse Ordnung.

Der Rest der Räumlichkeiten scheint hingegen von der Zeit vergessen. Lediglich der dunkle Fettfilm auf den Glasflächen der Wandvitrine und ein riesiges altes Telefon, im bestenfalls 60er Jahre-Design bezeugen, dass hier Zeit überhaupt existiert. Aber das Cafe ist gut besucht!

Kopi Gu You –  die Entdeckung des Butterkaffees

Von Alten, die mir freundlich zulächeln oder mich verstohlen mustern, aber auch wenige junge Leuten sitzen hier über Kaffee, also „Kopi“, und Laptop gebeugt. Der alte Herr beachtet die Gäste kaum, sondern steht mit gebeugtem Rücken zum Gastraum, giesst Kaffee auf, schmiert Toastbrote und nimmt ab und an einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, alles mit der Ruhe, die einem Mann in seinem Alter zusteht. Ein deutlich jüngerer Mann flitzt durch die Tischreihen und bedient. Bei ihm bestelle ich Kopi und Kaya Toast (Toast mit Kokosmarmelade), heute ohne Ei. Same same but always a little different. Nach einem Gespräch mit dem Betreiber des vorderen Teil des Cafés, der Samosa und Banana Fritters verkauft, weiß ich mehr.

Das Heap Seng Leong besteht seit 1954! Und der alte Herr in der Schlafanzughose, Mr. Shi, ist seither der Chef und Betreiber. Mr. Shi steht jeden morgen gegen 4 Uhr morgens im Laden und beginnt Toastscheiben über dem Kohlefeuer zu rösten, 365 Tage im Jahr. Der Kellner ist sein Sohn. Mr. Shis Routine zahlt sich aus. Hier ist der Toast genau so entrindet und geröstet, wie ich es liebe. Wirklich, das schafft kein Toaster dieser Welt! Knusprig und fluffig zugleich, zu Ecken gestapelt, jede Scheibe mit Kaya beschmiert und in der Mitte mit einer Scheibe Butter belegt, die halb so dick ist wie die Toastscheibe und auf der Zunge zu einer schönen Butterpfütze zerfliesst.

A propos Butter: Mr. Shi ist wohl der letzte Kopi -„Barista“ Singapurs der noch Butterkaffee serviert. Kopi Gu You ist aus der Mode gekommen. Was bei der Zutatenliste nicht so verwunderlich ist, andererseits essen die Leute schlimmere Kalorienbomben heutzutage.

Die Zutatenliste für Kopi Gu You, der Reihe nach:

1. einige Teelöffel gesüßte Kondensmilch („Carnation“ oder „Milchmädchen“, Kondensmilch plus Zucker ist nicht dasselbe! Gesüßte Kondensmilch wird in der Dose zusammen mit dem Zucker erhitzt und hat daher einen deutlichen Karamellgeschmack) in ein Glas geben.
2. starken Filterkaffee (bester Bohne) vorsichtig eingießen (damit es die Kondensmilch nicht aufwirbelt).
3. eine Scheibe Butter auf den Kaffee geben. Fertig ist der Kopi go you!

Auf der Oberfläche dieses Kopi schwimmen dicke gelbe Fettinseln, was gewöhnungsbedürftig aussieht und erstaunlich gut schmeckt: reichhaltig, cremig, nährend. Das Fett mildert die Stärke des Kaffees. Eine rustikale Version eines Kaffees mit Schlagsahne. In der inneren Mongolei trinkt man ja Tee mit Yakbutter, was recht streng schmecken soll, aber dort braucht man Kalorien gegen die Kälte. Aber hier? Am Äquator? Doch, geht! Gute Kombi, der Fettaugen-Kopi als Toast-Begleitung, ich fühle mich wach und gestärkt.

Kopi Gu You geht – Bullet Proof Kaffee kommt!

Jetzt aber aufgepasst! Was da in Singapur offensichtlich gerade am Aussterben ist, der Kaffee mit Butter, wird andernorts gerade als „dernier cri“ der Diät- und Wellnessfreunde gefeiert. In den USA und Europa wird seit einiger Zeit dem sogenannten Bullet Proof Kaffee gehuldigt. Dave Asprey heißt der Mann, der das Trendgetränk promotet. Die süße Milchmädchen-Milch wurde durch Kokosnussöl ersetzt, die Butter bleibt. Dieser „neue“ Butterkaffee, um Zucker erleichtert und um die wertvollen Triglyceride des Kokosnussöls bereichert, soll satt, leistungsfähig und, man höre und staune, schlank machen! Das allerdings nur, wenn man das Frühstück zum Kaffee weglässt. Was sagt man nun dazu? „Noch einen Kaya Toast bitte“!

Hier findet Ihr Mr. Shi und seinen Butterkaffee:
Heap Seng Leong: Blk 10 North Bridge Road, #01-5109 Singapore 190010, Singapore, geöffnet von ca. 4.00 morgens bis 19.00.

Weitere im Artikel erwähnte Kopitiam:
Killiney Kopitiam
67 Killiney Road, Singapore 239525
Mo, Mi, Fr. und Sa. von 6.00 bis 23.00
Di.und So. von 6.00 bis 18.00
http://www.killiney-kopitiam.com

Ya Kun Kaya Toast
http://yakun.com/find-us/local