Oman: Die Süße des Morgenlandes konzentriert sich in der Dattel

Nizwa Dattelhändler

Die Dattel – Alleskönner aus dem Morgenland

Im Sultanat Oman bekommt man eine Vorstellung von der üppigen Schönheit des Morgenlandes, wie sie in den Geschichten von tausend und einer Nacht beschrieben wird. Die Landschaft karg, die Früchte süß, und diese Süße des Morgenlandes konzentriert sich in der Dattel.
Ich meine nicht diese harten gezuckerten Dinger aus dem Bio-Supermarkt. Sondern Datteln, die weich wie Butter sind, köstlich nach Karamell duften, nussig und mild-fruchtig schmecken, und deren Kerne du noch Stunden, nachdem das Fruchtfleisch im Mund zergangen ist, mit Zunge und Zähnen genüsslich von Backe zu Backe wendest.

Die Entdeckung des „Brotes der Wüste“

Fort NizwaDas Klima in Oman ist hart. Viel trockenes, heißes Land, richtige Sandwüsten, aber auch schroffe Gebirgszüge und überwältigend schöne Canyons entlang derer sich (Dattel) palmengesäumte Wadis schlängeln. Nachts kann es ziemlich kalt werden. Wanderungen durch diese Landschaften kosten Kraft. Und wenn man viel mit dem Auto unterwegs ist, kann es passieren, dass die Küche des Coffeeshops gerade geschlossen ist oder es nur Pappbrot mit Scheibletten gibt. Autobahnraststätten gibts in Oman kaum. Hoffentlich bleibt das so.

So habe ich in Oman das „Brot der Wüste“ als Wegzehrung für mich entdeckt und einen Heidenrespekt bekommen. Wieder einmal – vor der Natur, den Menschen und überhaupt.

Auf dem Weg in die Wüste

Es fing damit an, dass wir von Bidiya aus eine Fahrt in die Wüste antreten wollten. Der Ort, an dem uns ein Fahrer abholen sollte, war eine Tankstelle. Dort aber trafen wir nicht einen, nämlich „unseren“ Fahrer, sondern fanden uns alsbald verstrickt in wort- und gestenreichen Verhandlungen mit etwa einem Dutzend Männern in weißen Dischdaschas, jeder von ihnen stolzer Pilot eines ebenso weißen und darüber hinaus chromglänzenden Wüstenschiffes namens „4-Wheel Drive“. Und ohne Four-Wheel – nix Wüste. Basta!

Da nun ca.12 omanische und ein deutscher Mann vielstimmig und kaum einer gemeinsamen Sprache mächtig, versuchten die Dinge in den Griff zu bekommen, war ich offensichtlich überflüssig geworden und machte mich auf den Weg – Proviantbeschaffung.

Was würde Lawrence von Arabien jetzt machen? Klar, Datteln und Wasser besorgen!

Das Straßennetz in Oman ist zwar supermodern, aber es kann schon mal passieren, dass man während einer mehrstündigen Fahrt entlang steinerner Küsten keine Möglichkeit hat, etwas zu Essen oder zu Trinken zu kaufen. Und nun gings hinaus in die offene Sandwüste! Was hätte Lawrence von Arabien gemacht? Eben! Die Kamele mit Wasser und Datteln beladen!

Datteln – fester Bestandteil omanischer Gastlichkeit

Schale Datteln, Tasse mit KhawaIn jedem Hotel, jedem Privathaus und anlässlich geschäftlicher Zusammenkünfte reicht der Omani zum Empfang Datteln und Khawa (Qahwa), ein mit Koriander und manchmal auch Rosenwasser parfümierter Kaffee. Er wird aus kleinen Porzellanbechern getrunken und ohne Zucker serviert.

Denn zuerst nimmt man eine süße Dattel in den Mund und dann erst einen Schluck Kaffee – und die Süße der Dattel und Aromen des Gewürzkaffees vereinen sich auf Köstlichste. Zur Etikette gehört es, die Dattel unbedingt mit der rechten Hand aus der Schale zu nehmen (!), mindestens eine Tasse Khawa zu trinken, und höchstens zwei. Ähnlich verhält es sich mit den Datteln. Man soll den Gastgeber schließlich nicht arm essen. Ich hatte mittlerweile also schon eine Vorstellung davon, wie lecker Datteln schmecken können und wie nachhaltig und befriedigend sie sättigen.

Treu schleppe ich meine Beute ins Gebirge – und die Dattel wird zum Hit!

Ich wollte also Datteln kaufen, und da ich keine zum Kauf fand, bekam ich kurzerhand welche geschenkt. Ein freundlicher Inder überreichte mir eine Plastiktüte voller aneinander klebender Datteln, ein Klumpen, groß wie eine Melone, schwer und solide wie ein Stein. Überleben gesichert! Freude! Anders der Mann an meiner Seite, er misstraute meiner „Beute“ und lehnte mein Angebot dankend ab.

Datteln, Oman
So appetittlich sah meine Dattelbeute leider nicht aus.

Ich verstaute den klebrigen Brocken treu in meinem Rucksack, und es kam wie es kommen musste – die zuerst verschmähten Dattelfrüchte waren schon kurze Zeit später stark nachgefragt – bei langen Autofahrten durch unwirtliches Gelände, bei der Ankunft in Hotels, in denen die Küche schon geschlossen hatte. Datteln gaben uns Kraft bei stundenlangen Wanderungen durch das Jebel Akhdar Gebirge, und – sorry, regelten auch auf wundersame Weise meine Verdauung.

Der Dattelkönig in seinem Reich, oder – in der Dattelhalle

Nach dem Wüstenritt, kaum in Nizwa angekommen, der Stadt mit dem sagenhaftesten Souk des Oman, machte ich mich auf den Weg zu einem Dattelhandel. Ich wollte wissen, wie unterschiedlich Datteln schmecken und aussehen, es soll ja weit über tausend Sorten geben, von denen nicht alle essbar sind, aber immerhin.

Dattelhändler, Nizwa, OmanUnd ich fand einen wahren Dattelkönig in seinem Reich! Auf dem Souk von Nizwa. Eine wahre Pracht von einem Dattelkaufmann. Gekleidet in einer blitzweißen Dischdascha und Kumma auf dem Kopf, der mir mit über dem Bauch gefalteten Händen und breitem Lächeln bei der Degustation seiner Schätze zusah und selbstverständlich Khawa dazu reichte.

Als die besten Datteln Omans gelten die Sorten Khalas und Farth. Letztere schmeckt etwas kräftiger, die Khalas ist gelber, ihr Fruchtfleisch erschien mir weicher. Ein Qualitätskriterium ist unter anderem eine dünne Schale. Auch das Mundgefühl ist wichtig, manche Sorten sind herrlich cremig in der Konsistenz. Den süßen Schmelz der Sorte Sukary (Sokari) wiederum fand ich unwiderstehlich, die aber ein Import aus Saudi Arabien ist. Von dort kommt auch die Sorte Deglet Nour, übersetzt: Finger des Lichts, die auch als eine Königin unter den Datteln bezeichnet wird (es gibt viele Königinnen im Dattelreich). Denn das Licht, also eher die sengende Sonne, bringt die Süße, und die zeigt bei den diversen Dattelsorten eine erstaunlich weite Spanne.
Khalah nennt man weiche Früchte, ruthab sind reife, und tamr sind trocken gereifte Datteln. Und die Vielfalt an Sorten und Reifegraden ist schier unüberschauber! Hier eine Auswahl: Hulwa, Sefri, Sari, Abtat Seif, Majhool, und wie sie nicht alle heißen:

Datteln Schaubild der Sorten

Ich aß und kaufte reichlich, nebst Datteln auch Dattelhonig und Safran und Gewürze, und wir verabschiedeten uns herzlich. Bis nach Hause wird es meine Dattelbeute aber kaum schaffen. Die Macht der Gewohnheit! Zum Frühstück, zum Dessert, zum Kaffee, zur Verdauung, zum Geniessen, zum besseren Einschlafen – die Dattelvorräte schwinden stetig.

Wüstenvölker verehren die Dattel seit Jahrtausenden

Ein Hoch auf die Dattel! Die Omanis wissen das, dort, wie in allen Ländern, in denen Dattelpalmen wachsen, wird die Frucht verehrt. Der Dattelpalme und ihre Frucht wird in Wüstenregionen seit jeher gehuldigt. Mit gutem Grund: Datteln halten das Klima dort aus. Denn die Dattelpalme soll mit den Füßen im Wasser stehen, aber mit der Krone im Feuer, so sagt ein arabisches Sprichwort.
Wo die Dattelpalme wild wächst, zeigt sie Grundwasservorkommen an. Die kultivierten Bäume, die aufwändiger Pflege bedürfen, ernährten Beduinen über Jahrtausende und tun das noch heute (nur nicht mehr ausschließlich).

Aus den Früchten, die im botanischen Sinn eigentlich Beeren sind, machte man Dattelbrot und Sirup. Kerne dienten als Öllieferanten und (bis heute) als Viehfutter. Alles von der Dattelpalme fand Verwertung und hatte seinen Zweck: aus den Palmblättern wurden Hausdächer und Küchenutensilien geflocheten, Fischreusen und Vogelkäfige hergestellt.

Die wehrhaften Burgen des Landes legten für den Fall einer Belagerung große Vorräte der extrem haltbaren und nährstoffreichen Frucht an, und im Verteidigungsfall wurden Angreifer mit kochend heißem Dattelsirup abgewehrt. Die Dattel hat es also verdient, verehrt zu werden!

Cholesterin hemmend, Blutdruck senkend und voller Spurenelemente, die Dattel ist ein Kraftpaket

Beduine schenkt Kawa einWas der Beduine schon immer wußte, dämmert nun auch dem Fitnessfreund: Ernährungsphysiologisch sind Datteln nämlich ein kleines wundervolles Kraftwerk. Ihr Zuckergehalt liegt bei 60 bis 70 Prozent, etwa zu gleichen Teilen aus Fructose und Glucose bestehend, begleitet von vielen Nährstoffen und Vitaminen, was dazu führt, dass Datteln einen niedrigen glykämischen Index haben und ihr Zucker nur langsam vom Körper absorbiert wird. Deshalb bleiben Blutzuckerspiegel und Insulinausschüttung konstant .

Datteln sind reich an Mineralien und Spurenelementen: Phosphor, Kalzium, Magnesium, Zink, und besonders viel Eisen und Kalium, sowie B 3 und B 5 Vitamine und Vitamin C. Eine Einschlafhilfe sind Datteln auch noch, Beduinen wussten das schon lange, bevor die Wissenschaft herausfand, dass Datteln eine Menge Tryptophan enthalten, eine Vorstufe des Serotonins (auch Glückshormon genannt), das uns glücklicher macht und besser schlafen lässt.
Cholesterinhemmend  soll die Dattel auch noch wirken, und dem Krebs vorbeugen. Beduinen haben gute Zähne, auch das wird mit der Dattelfrucht in Verbindung gebracht! Die Dattel, eine Frucht, die so viele gute Eigenschaften in sich vereint, dass sie von der Bibel als auch vom Koran erwähnt wird. Vielleicht gefällt mir dieser Aspekt zur Zeit sogar am besten.

Darauf eine Dattel!